Ethnisierung von Religion und Kultur / BMFSFJ Modellprojekt Toleranz fördern-Kompetenz stärken

Hauptziel des Vorhabens ist die Entwicklung, Erprobung und Verbreitung eines neuen Präventionsangebots gegen religiös wie säkular bedingte Formen von Fremdenfeindlichkeit, die durch ethnisierte Wahrnehmungsmuster hervorgerufen werden.

In Zeiten der Globalisierung und des world-wide-web sind zumindest die Vielfalt der (vermeintlich homogenen) Kulturen und Weltreligionen sowie ihre offenkundigen Unterschiede und Konflikte zwischen ihnen in den Fokus selbst lokaler Öffentlichkeiten gerückt. Befürchtet wird bis weit in die Wissenschaften hinein ein ‚Kampf der Kulturen’ (Huntington 1997) und neuerdings sogar ein ‚Krieg der Religionen’ (V. & V. Trimondi 2006), den es durch interkulturelle und interreligiöse Dialoge zu verhindern gelte. Mit der in den Medien wohl unvermeidlich verkürzten Redeweise werden ‚Kulturen’ und ‚Religionen’ zu Kollektivsubjekten erhoben, die kämpfen, glauben oder einen Dialog führen könnten.

Zwar bieten kollektive Wahrnehmungsmuster eine Reduktion von Komplexität und informieren über bestehende Differenzen zwischen ‚Kulturen’ und ‚Religionen’. Zugleich sind sie jedoch ein wesentlicher Bestandteil eben dieser Konflikte. Denn durch sie werden nicht nur die Unterschiede zwischen den Gläubigen in einer Religion und Menschen in einer Kultur weitgehend ausgeblendet, sondern auch die Gemeinsamkeiten von Menschen aus unterschiedlichen Kultur- und Glaubensgemeinschaften. Weil für immer mehr Menschen der Glaube an Gott zu einer Option unter vielen avanciert ist und an immer mehr Orten der Welt Menschen mit unterschiedlichen Glaubensformen und säkularen Weltsichten leben, gibt es indes sowohl Gemeinsamkeiten als auch Spannungen zwischen wie unter Gläubigen, Andersgläubigen und Nicht-Gläubigen. Kollektive Wahrnehmungsmuster führen also dazu, dass vermeintliche oder tatsächliche Differenzen zwischen Kollektiven als alleinige Begründung für komplexe Problemlagen herangezogen werden, die es nicht nur zwischen, sondern auch in ‚Kulturen’ und ‚Religionen’ gibt.

Kollektive Wahrnehmungsmuster, vor allem die Ethnisierung von Kultur und Religion, berühren längst auch das Miteinander vor Ort. Mentale und religiöse Differenzen führen insbesondere dann zu Konflikten, wenn sie durch (Kultur-)Nationalismen und ethnisierte Glaubenslehren fundiert werden. Dann kommt es zu einer polarisierenden Gegenüberstellung von vermeintlich Gläubigen und Ungläubigen, von säkularer und religiöser Kultur. Durch positive Selbst- und negative Fremdbestimmung werden national-kulturelle und ethnisch-religiöse, vermeintlich homogene Kollektivgemeinschaften und fundamental-dramatisierte Differenzen konstruiert. Auf diese Weise werden exklusive Zugehörigkeiten imaginiert, die leicht zu Diffamierung, Dämonisierung und Ausgrenzung führen. Vor allem an Orten wie Duisburg, in denen Gläubige, Andersgläubige und Menschen mit säkularer Orientierung aus verschiedenen ‘Kulturen’ und ‘Religionen’ leben, kommt es daher darauf an, zugleich Präventionsangebote gegen säkular als auch gegen religiös bedingte Formen von Fremden- und Deutschenfeindlichkeit zu entwickeln, die durch kollektive Stereotypen bzw. ethnisierte Wahrnehmungsmuster hervorgerufen werden.

Erstellung von Präventions- und Fortbildungsangeboten für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure gegen religiös wie säkular bedingte Formen von Fremdenfeindlichkeit und Extremismus

Die Angebote werden gemeinsam mit und für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure erstellt, die in der Bildungs- und Integrationsarbeit tätig sind. Passgenaue Fortbildungskonzepte werden somit kooperativ erstellt. Mit der DITIB Bildungs- und Begegnungsstätte zu Duisburg-Marxloh wird überdies eine zweijährige Begleitfortbildung durchgeführt. Das Präventionsangebot richtet sich an alle Bevölkerungsgruppen, d.h. es wird für Menschen mit unterschiedlichen Glaubensformen und säkularen Weltsichten konzipiert. Auf handlungs- und erlebnisorientierte Weise will es ihnen Gelegenheit bieten, andere und sich selbst jenseits kollektiver Stereotypen und ethnisierter Wahrnehmungsmuster (z.B. ‚Deutsche’ vs. ‚Türken’,‚Muslime’ vs. ‚Christen’ oder ‚Gläubige’ vs. ‚Ungläubige’) als Personen mit unterschiedlichen oder ähnlichen Glaubensformen und säkularen Wertorientierungen wahrzunehmen. Auf der Grundlage ihrer Selbstdeutungen, d.h. unabhängig von Herkunft, Staatsan- und Religionszugehörigkeit, werden zudem aktuelle Konflikte in der Integrationsgesellschaft thematisiert und Regeln der Koexistenz für Gläubige und Religionskritiker (wieder)entdeckt und eingeübt. Weil kollektive Wahrnehmungsmuster und Identitäten implizit eine fragwürdige Antwort auf die Frage geben, wer wir sind, soll überdies explizit erarbeitet werden, was allen Menschen unserer Gesellschaft gemeinsam sein sollte und was besser nicht. Zu diesem Zweck werden die Grundwerte unserer Gesellschaft erörtert, die aufgrund ihrer Pluralität nicht nur spannungsgeladen sind, sondern aufgrund ihrer wechselseitigen Begrenzung auch Konfliktlösungspotentiale aufweisen.

Die Besonderheit des Fortbildungskonzepts besteht darin, dass nicht erst nachträglich Multiplikatorenschulungen durchgeführt werden, sondern bereits die Entwicklung des Angebots kooperativ erfolgt. Eine besonders intensive Zusammenarbeit wird mit der DITIB Bildungs- und Begegnungsstätte zu Duisburg-Marxloh stattfinden. Das Präventionsangebot und die Begleitfortbildung dienen als qualitätssichernde Grundlage einer kommunal und regional vernetzten Integrationsarbeit der Begegnungsstätte, die über die Projektlaufzeit hinaus in deren Regelstrukturen überführt und als Modell bundesweit übertragbar sein wird.

Modellhaftigkeit

Erstmals werden kooperativ im kommunalen Verbund von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die in der Bildungs-, Begegnungs- und Integrationsarbeit tätig sind, Präventions- und Fortbildungsangebote gegen alle Formen von Extremismus aufgrund ethnisierter Wahrnehmungsmuster ─ also gegen säkular wie religiös bedingte Fremden- und Deutschenfeindlichkeit zugleich ─ entwickelt, erprobt und verbreitet.

Neu ist auch, dass zum ersten Mal ein muslimisch geprägter Ort der Bildung und Begegnung, die Begegnungsstätte zu Duisburg-Marxloh, dabei im Mittelpunkt steht und zusammen mit religiösen und säkularen Bildungseinrichtungen der Kommune die Maßnahme entwickelt und erprobt. Besonderes Augenmerk wird also darauf gelegt, dass nicht nur der interreligiöse Dialog zwischen den Gläubigen, sondern auch das interkulturelle Gespräch mit den Nicht-Gläubigen und Religionskritikern gepflegt wird. Zum innovativen Gehalt zählt, dass eine Maßnahme zugleich gegen religiöse wie säkular bedingte Formen von Fremdenfeindlichkeit entwickelt wird, und nicht beide gegeneinander ausgespielt werden. Die Ethnisierung von Religion – also der Glaube, dass nicht alle Menschen zum Volk Gottes gehören und nicht alle Menschen, Gesellschaften und Kulturen vor Gott gleich seien ─ gefährdet unser Miteinander jedenfalls eben so wie eine Ethnisierung von Kultur, Gesellschaft oder Wirtschaft, die interkulturelle Konflikte durch alleinige Verfolgung nationaler oder volkswirtschaftlicher Interessen hervorrufen. Ein Innovationsgehalt der geplanten Maßnahme besteht mit anderen Worten in dem Umstand, dass bestehende Übel weder in die Religion bzw. Religionen noch in Politik oder Wirtschaft allein verlegt werden, vielmehr säkulare (ökonomische, soziale und politische) wie religiöse Ursachen von Konflikten beachtet werden. Es ist ferner zu erwarten, dass die neuen Formen kommunaler Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Angeboten auch zu neuen Methoden der Bildung- und Begegnung von Gläubigen, Andersgläubigen und Nicht-Gläubigen genutzt werden. So kann durch die Vernetzung verschiedener Orte der Begegnung z.B. der gesamte Raum einer Kommune für die Arbeit genutzt werden, so dass neue erlebnisorientierte Formen der Begegnung quer zu kollektiven Zugehörigkeiten möglich sein werden. Obschon wir es bereits in der Vergangenheit so handhabten, ist unseres Erachtens eine empirisch gestützte Vorgehensweise nach wie vor innovativ.

Zielgruppen

Obschon Präventionsangebote für alle Bevölkerungsgruppen gegen religiös wie säkular bedingte Formen von Fremdenfeindlichkeit und Extremismus aufgrund ethnisierter Wahrnehmungsmuster erstellt werden, bilden nicht diese selbst, sondern staatliche bzw. kommunale und zivilgesellschaftliche Akteure, die in der Bildungs- und Integrationsarbeit tätig sind, die Hauptzielgruppe. Diese wurde schon bei der Konzipierung der Interessenbekundung bzw. des Antrags und somit bereits in die Vorphase des Vorhabens miteinbezogen. Wichtige Akteure der Hauptzielgruppe, zu der aus vorhergehenden Modellprojekten seit vielen Jahren erprobte und somit belastbare Kooperationsbeziehungen bestehen, werden sich von Projektbeginn an über alle drei Phasen des Vorhabens durch anteilige personale Mitarbeit beteiligen. Sowohl Entwicklung wie Erprobung als auch Verbreitung, Überführung in Regelstrukturen und Herstellung der bundesweiten Übertragbarkeit können daher in enger Zusammenarbeit mit der Hauptzielgruppe erfolgen.

Für unseren wichtigsten Kooperationspartner, die DITIB-Begegnungsstätte zu Duisburg-Marxloh, ist zudem im Rahmen des Modellprojekts eine Teilzeitstelle vorgesehen. Mit ihr kann somit eine besonders intensive Zusammenarbeit erfolgen. Unter unseren Kooperationspartnern aus der Hauptzielgruppe besteht Konsens darüber, dass die Qualität und der Erfolg interreligiöser und interkultureller Bildungsarbeit in der Begegnungsstätte als muslimisch geprägter Ort der Begegnung im hohen Maße davon abhängen, ob und inwiefern deren Bildungs- und Integrationsarbeit in lokal und regional vernetzter Weise mit kommunalen und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren erfolgt, die ebenfalls in der Bildungs- und Integrationsarbeit tätig sind. Von besonderer Bedeutung ist daher auch, dass die Bildungsholding der Stadt Duisburg, die in der Kommune für die Vernetzung aller Bildungspartner und die Entwicklung und Durchführung von ressortübergreifenden Bildungsprojekten zuständig ist, sich an der Entwicklung, Erprobung und Verbreitung des Vorhabens durch koordinierende Leitung und personale Mitarbeit beteiligt. Überdies werden auch Jugendliche und Erwachsene aus der Bevölkerung Duisburgs, über vom RISP in der Vergangenheit bereits wiederholt durchgeführte Befragungen hinaus, wiederum durch Tiefeninterviews in erster Projektphase und via Erprobung und Verbreitung in zweiter und dritter Projektphase in alle Etappen des Vorhabens direkt mit eingebunden.

Weitere Konkretisierung der Zielgruppen und Darstellung der Aktivierungsstrategie

Obschon im vorigen Abschnitt als Hauptzielgruppe des Vorhabens staatliche bzw. kommunale und zivilgesellschaftliche Akteure definiert wurden, die in der Bildungs- und Integrationsarbeit tätig sind, werden im Rahmen des Vorhabens letztlich doch Präventionsangebote gegen religiös wie säkular bedingte Formen von Fremdenfeindlichkeit und Extremismus aufgrund ethnisierter Wahrnehmungsmuster erstellt, die sich potentiell an alle Bevölkerungsgruppen der Bundesrepublik Deutschland wenden. Grundsätzlich halten wir es zum Zwecke einer näheren Bestimmung dieser Zielgruppe bei interkulturellen und interreligiösen Maßnahmen sachlich für dringend geboten, hierfür auch interkulturelle und interreligiöse Kriterien heranzuziehen. Wichtige Kriterien zur näheren Bestimmung der Zielgruppe sind daher z.B. nicht soziostrukturelle Indikatoren wie Einkommen, Alter, Bildung, Geschlecht, Staatsan- oder Religionszugehörigkeit oder sonstige kollektive Wahrnehmungskategorien (wie Nationalität, Migrationshintergrund, Ethnizität etc.), sondern die konkreten Glaubens-, Selbstdeutungs- und Wertorientierungsformen der Bürgerinnen und Bürger. Wer eine Maßnahme gegen durch Ethnisierung und kollektive Wahrnehmungsmuster hervorgerufene Formen von religiöser wie säkularer Fremdenfeindlichkeit erstellen will, würde seine Absicht konterkarieren, wenn er seine Zielgruppe allein oder primär durch eben diese Kategorien zu erfassen suchte. Wir erstellen somit Präventionsangebote nicht in erster Linie für spezifische Einkommens-, Alters-, Bildungs-, Geschlechts-, Staats- oder Religionsgruppen bzw. für Menschen mit spezifischer kollektiver Zugehörigkeit, sondern Angebote für Menschen mit unterschiedlichen Glaubens-, Selbstdeutungs- und Wertorientierungsformen, unabhängig von kollektiven Selbst- oder Fremdzuschreibungen. Die Glaubens- und Selbstdeutungsformen, dies haben auch unsere bisherigen empirischen Befragungen gezeigt, kann man nicht schlicht auf soziostrukturelle Indikatoren oder kollektive Zugehörigkeiten zurückführen. Diese haben zwar einen Einfluss auf die Ausbildung der Glaubens- und Selbstdeutungsformen, determinieren diese jedoch nicht. Wir entwickeln also in erster Linie Präventionsangebote für Gläubige, Andersgläubige, Agnostiker, Atheisten und Religionskritiker, und nicht primär Angebote für soziostrukturell oder kollektiv näher bestimmte Gruppen.

Obschon wir uns in diesem Sinne also potentiell an alle gläubigen, andersgläubigen und nicht-gläubigen Bürgerinnen und Bürger wenden und Wert darauf legen, dass die Zielgruppe nicht in erster Linie soziostrukturell und kollektiv, sondern interkulturell und interreligiös heterogen zusammengesetzt sind, werden wir uns doch immer über unsere Kooperationspartner – und die Zielgruppen von deren Bildungs- und Integrationsarbeit – an konkrete Personen wenden. Über die interkulturell/-religiös nähere Bestimmung unserer Zielgruppe hinaus, die stets oberstes Kriterium bleibt, kann unsere Zielgruppe somit auch soziostrukturell näher beschrieben werden. So ist die soziostrukturelle Bevölkerungszusammensetzung in einem Integrationskurs, der von der VHS durchgeführt wird, eine andere als die Zielgruppe der Schulpsychologischen Beratungsstelle, die mit Lehrern, Eltern und Schülern einer oder mehrerer Schulformen zusammenarbeitet. Konkret wenden wir uns also an spezifische Zielgruppen unserer Kooperationspartner. Diese werden aktiviert, indem sie von Beginn an über Tiefeninterviews bis hin zur Erprobung der Maßnahme in alle Entwicklungsphasen der Maßnahme aktiv mit eingebunden werden. Dabei werden diese nicht nur durch das Bundesprogramm bzw. uns, sondern auch von unseren jeweiligen Kooperationspartnern angesprochen und zur aktiven Mitarbeit aufgefordert. Die empirisch-kooporative Entwicklung und die gemeinsame Erprobung und Entwicklung der Maßnahme stellt also unsere Aktivierungsstrategie dar. Eine nähere Beschreibung der Zielgruppe im Hinblick auf die Glaubensformen und Selbstdeutungen werden nicht zuletzt die Tiefeninterviews ermöglichen, die wir im Verlaufe des Vorhabens mit der Zielgruppe führen, um nähere Befunde über ihre unterschiedlichen Glaubens- und Selbstdeutungsformen sowie über kollektive Wahrnehmungsmuster gewinnen zu können. Dies wird im Rückgriff auf Forschungsansätze und –methoden der Religionspolitologie erfolgen (vgl. hierzu Bärsch, Berghoff und Sonnenschmidt: Wer Religion verkennt, erkennt Politik nicht – Perspektiven der Religionspolitologie, Würzburg 2005).

Kooperations- und Netzwerkpartner

Unsere Kooperationspartner (folgend: KP) sind sowohl staatliche als auch zivilgesellschaftliche Akteure aus Duisburg und Nordrhein-Westfalen, u.a.:

1. DITIB Bildungs- und Begegnungsstätte an der Merkez- Moschee zu Duisburg-Marxloh,
2. „DuisburgBildung“ – Bildungsholding der Stadt Duisburg,
3. Referat für schulische Bildung der Stadt Duisburg,
4. Schulpsychologische Beratungsstelle der Stadt Duisburg,
5. Volkshochschulen der Stadt Duisburg, Moers und Alpen-Rheinberg-Sonsbeck-Xanten,
6. Referat für Integration der Stadt Duisburg,
7. Gesellschaft für Beschäftigungsförderung der Stadt Duisburg (GfB),
8. Evangelisches Familienbildungswerk Duisburg,
9. St. Peter und Paul, katholische Gemeinde zu Duisburg Marxloh,
10. Bildungswerk NRW des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB),
11. Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW
12. Duisburger Schulen, Lehrerinnen und Lehrer, Schüler und Eltern,
13. weitere Akteure, die in der Bildungs- und Integrationsarbeit tätig sind, und deren Zielgruppen

Hauptziel der Kooperationen ist es, Präventions-Angebote mit und für die jeweiligen Zielgruppen der Kooperations- bzw. Projektpartner zu entwickeln, zu erproben und zu verbreiten. Hier sei bzgl. der Arbeitsstrukturen ergänzt, dass eine Steuerungsgruppe für KP gegründet wird, mit denen eine besonders intensive Kooperation erfolgt (KP 1-5, 7-10). Gemeinsam mit dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikbratung (RISP) übernimmt hier KP (2) eine koordinierende Leitungsfunktion. Zur Koordination werden ferner die Beiratssitzungen der Begegnungsstätte (KP 1) genutzt (u.a. mit KP aus 8, 9 und 12). Zudem werden Workshops zur Präsentation der Ergebnisse aus Phase 1 und 2 mit den KP durchgeführt. Eine Mitarbeit im Hinblick auf spezifische Arbeitspakete [siehe nächstes Kapitel 7), dort unterscheiden wir Phase 1-3 mit den Meilensteinen 1-13] erfolgt bei der konzeptionellen Entwicklung (Phase 1), bei der Erprobung (Phase 2) sowie bei der Verbreitung des Modellvorhabens (Phase 3) vor allem mit KP 1-10. Mit Blick auf die, für die Umsetzung des Projektes unabdingbare kommunal- und darauf folgende landespolitische Transfer- und Öffentlichkeitsarbeit wird kommunal vor allem die Mitarbeit des KP (6) sowie landesweit die von KP (1, 8-11) und deren Integration in Landesarbeitsgemeinschaften in Anspruch genommen. Die Zusammenarbeit mit den Partnern erfolgt somit über alle drei Phasen des Vorhabens. Nahezu alle 13 Meilensteine werden kooperativ erarbeitet.

Erfahrungsgemäß werden im Verlaufe des Vorhabens weitere Kooperationspartner hinzukommen.

Methoden/Projektmodule, Formulierung von Teilzielen und Meilensteine

A. Methodische Herangehensweise
Quantitative und qualitative Befragungen des RISP haben uns nicht nur gezeigt, dass ethnisierte Wahrnehmungsmuster unter allen Bevölkerungsgruppen in Duisburg sehr weit verbreitet sind. Tiefeninterviews haben uns vielmehr darauf aufmerksam gemacht, dass sie zugleich über weitaus komplexere Selbst- und Weltdeutungen verfügen. Sie weisen somit ungleich mehr Gemeinsamkeiten auf, als ihnen aufgrund ihrer kollektiven Wahrnehmungsmuster zunächst bewusst ist. Dies gilt es pädagogisch mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen ‚Kulturen’ und ‚Religionen’ zu nutzen. Das Modellvorhaben gliedert sich inhaltlich wie zeitlich in drei Phasen:

B. Teilziele und Meilensteine

Teilziel 1: Empirisch-kooperative Entwicklung und Meilensteine 1-3:

Im ersten Projektjahr wird das Präventionsangebot „Ethnisierung von Religion und Kultur“ in enger Zusammenarbeit mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren entwickelt. Zu diesem Zweck werden ca. 15 Expertengespräche mit ihnen (MEILENSTEIN 1) und ca. 25 Tiefeninterviews mit Jugendlichen und Erwachsenen aus allen Bevölkerungsgruppen über ethnisierte Konflikte, Glaube und Selbstdeutung in der Integrationsgesellschaft geführt (MEILENSTEIN 2). Die Ergebnisse werden mit einem ersten Curriculumentwurf den Kooperationspartnern und der lokalen Fachöffentlichkeit innerhalb eines Workshops vorgestellt und erörtert (MEILENSTEIN 3).

Teilziel 2: Erprobung und Entwicklung der Fortbildungskonzepte und Meilensteine 4-8

Im zweiten Projektjahr werden modular aufgebaute Präventionsangebote für verschiedene, stets heterogen im Hinblick auf Glaubens- und Selbstdeutungsformen zusammengesetzte Altersgruppen und Akteure fertig gestellt (MEILENSTEIN 4) und im Team-Teaching mit drei verschiedenen Kooperationspartnern in ihren Einrichtungen mit ca. 20 ihrer Teilnehmenden erprobt (MEILENSTEIN 5a-c). Parallel dazu wird die Begleitfortbildung in der Begegnungsstätte mit Schulungen ehrenamtlicher Moscheeführer begonnen (MEILENSTEIN 6). Auf der Grundlage dieser Erfahrungen werden die Angebote überarbeitet (MEILENSTEIN 7) und drei Fortbildungskonzepte für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure entwickelt (MEILENSTEIN 8a-c).

Teilziel 3: Verbreitung, Überführung und Übertragbarkeit und Meilensteine 9-13:

Nach erster Erprobung der Angebote und Entwicklung der Fortbildungskonzepte dient das 3. Projektjahr der regionalen Verbreitung, der Vorbereitung der Überführung des Vorhabens in die Regelstrukturen der Begegnungsstätte über die Förderlaufzeit hinaus und der Herstellung der bundesweiten Übertragbarkeit einer kommunal vernetzten Bildungs- und Integrationsarbeit einer muslimisch geprägten Bildungs- und Begegnungsstätte. Zu diesen Zwecken werden zunächst zwei Fortbildungen mit jeweils 10 Teilnehmenden für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure durchgeführt (MEILENSTEIN 9a-b) und 10 weitere Durchgänge mit den zuvor Fortgebildeten und wiederum ca. 20 Teilnehmenden supervidiert und ausgewertet. (MEILENSTEIN 10a-j). Abschließend werden die Konzepte mit pädagogischer Anleitung schriftlich dokumentiert (MEILENSTEIN 11), gemeinsam mit der Begegnungsstätte ein Curriculum für die Überführung der Maßnahme in deren Regelstrukturen (MEILENSTEIN 12) und ein Fortbildungskonzept zur bundesweiten Übertragbarkeit erstellt (MEILENSTEIN 13). Zu diesem Zwecke werden wir inbesondere die landesweit agierenden Kooperationspartner und deren Erfahrungen nutzen.

Sicherung der Nachhaltigkeit und des Transfers

Die entwickelten und erprobten Präventions- und Fortbildungsangebote werden in die Regelstrukturen der Begegnungsstätte aufgenommen und dort über die Projektlaufzeit hinaus angeboten. Das Modellprojekt dient darüber hinaus durch die Begleitfortbildung, Vernetzung und kooperative Entwicklung von Maßnahmen mit anderen säkularen wie religiösen Bildungseinrichtungen in der Kommune der Qualitätssicherung der Integrationsarbeit der Begegnungsstätte. Zentrale Projektergebnisse werden extern in Kooperationsvereinbarungen, und intern im Leitbild, in Stellen- und Aufgabenbeschreibungen, Qualitätsstandards (z.B. bei Moscheeführungen) und Kompetenzregelungen etc. festgehalten werden. Auf diese Weise wird zunächst sichergestellt, dass das Projekt durch den wichtigsten Kooperationspartner über die Laufzeit hinaus fortgeführt wird. Selbstredend können und sollen die zu erstellenden Präventions- und Fortbildungsangebote auch von den übrigen Kooperationspartnern in ihr Regelangebot aufgenommen werden. Überdies soll die Zusammenarbeit aber auch dazu führen, dass künftig weitere Angebote zu jeweils aktuellen Themen gemeinsam entwickelt und durchgeführt werden können.

Das Modell der kommunalen Vernetzung eines muslimisch geprägten Ortes der Begegnung mit anderen Orten der Begegnung in einer Kommune, die sowohl religiös als auch säkular oder religionskritisch geprägt sind, ist darüber hinaus als Ganzes landes- und bundesweit auf andere Kommunen übertragbar. Das RISP und seine kommunalen Partner verstehen dies als ein Duisburger Leuchtturmprojekt, das landes- und bundesweit ─ und möglicherweise sogar weit darüber hinaus, wie internationale Besucher nicht nur aus der Türkei andeuten ─ von Bedeutung ist.

Transferstrategie
Von besonderer Bedeutung im Hinblick auf die Herstellbarkeit einer landes- und bundesweiten Übertragbarkeit des Modellvorhabens sind nicht allein die landesweit agierenden Kooperationspartner (10 und 11). Vielmehr sind auch viele unserer kommunalen Kooperationspartner Mitglied in landesweiten Organisationen bzw. in Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften. Zu unserer Transferstrategie gehört es daher, die Ergebnisse und Produkte unseres Modellvorhabens in diese Organisationen miteinzubringen und mit diesen gemeinsam realisierbare Transferstrategien zu entwickeln. Hierzu seien nur drei Beispiele genannt, die erfolgversprechende Ansatzpunkte für eine nachhaltige Transferleistung bieten:

1. Die DITIB-Begegnungsstätte zu Duisburg-Marxloh ist in den Gremien des DITIB Landes- und Bundesverbands vertreten, die somit Basisstrukturen für eine Übertragbarkeit des Duisburger Modells einer muslimisch geprägten, kommunal vernetzten Begegnungsstätte auf andere Kommunen bieten. 2. Die Zusammenarbeit nicht nur mit der VHS Duisburg, sondern auch mit VHS’en aus mittelstädtischen und ländlichen Gebieten, kann genutzt werden, um Strategien für die Übertragbarkeit in Regionen sicherzustellen, deren Bevölkerung möglicherweise zwar weniger im Hinblick auf konkrete Glaubens-, Selbstdeutungs- und Wertorientierungsformen, doch im Hinblick auf Zu- oder Nichtzugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften recht unterschiedlich zusammengesetzt sind. 3. Und nicht zuletzt können wir zum Zwecke des Transfers die Landesarbeitsgemeinschaft der Familienbildung in NRW nutzen. Das evangelische Familienbildungswerk in Duisburg, Mitglied dieser Landesarbeitsgemeinschaft und unseres Modellprojektes, hat zu diesem Zwecke bereits an einm landesweiten, vom Integrationsministerium NRW (ebenfalls Kooperationspartner) geförderten Projekt mitgewirkt, dass einen Praxisleitfaden zur interkulturellen Öffnung der Familienbildung erstellt hat. Unser Modellvorhaben, das dieser Öffnung der Familienbildung ein weiteres zentrales, interkulturell-interreligiöses Modul bietet, kann über diesen Kooperationspartner bereits auf etablierte Entwicklungspfade der Tranferarbeit zurückgreifen und diese nutzen.

Ferner hat das RISP zusammen mit Prof. Bärsch und Prof. Weidenfeld (CAP Uni München) bereits einen umfangreichen Antrag zu einer bundesweiten repräsentativen Bevölkerungsumfrage ausgearbeitet. Jenseits der Frage, ob man für oder wider eine Religion oder gar die Religion ist, wird mit dem religionspolitologischen Design dieser Befragung – was im Zeitalter der Mondialisierung von besonderer Bedeutung ist, da an immer mehr Orten der Welt Menschen mit unterschiedlichen Glaubensformen und säkularen Weltsichten leben und daher neue, interkulturelle und interreligiöse Regeln der Koexistenz finden müssen – erstmals in vergleichender Perspektive erfasst werden, wie Gläubige, Andersgläubige und Nicht-Gläubige einerseits und politische Entscheidungsträger andererseits das Verhältnis von Religion und Politik deuten und welche gesellschaftspolitischen Schlüsse sie hieraus ziehen. Weder Religion noch Religionskritik oder Säkularität werden dabei ausschließlich im Modus des Konflikts und eines erneuerten Kulturkampfes als Dispositive politisch oder religiös motivierter Gewaltbereitschaft wahrgenommen. Gefragt wird mithin zum ersten Mal sowohl danach, welche Inhalte des Glaubens als auch danach, welche Gehalte des säkularen Bewusstseins der demokratischen Kultur förderlich bez. abträglich sind. Erstmals soll zu diesem Zweck in vergleichender Perspektive erfasst werden, wie verbreitet einerseits religiöse Pathologien und andererseits säkulare Hybris sind. Beispielsweise kommt es gerade im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen der Integration darauf an, nicht isoliert die – möglicherweise nicht vorhandene – Verfassungsloyalität z.B. von Muslimen (vgl. hierzu Brettfeld/Wetzels 2007), sondern auch diejenige von Säkularisten zu erfassen. Erst in vergleichender Perspektive kann eine politische Gewichtung der Befunde vorgenommen werden, die sich nicht leichtfertig dem Vorwurf der Dramatisierung oder Verharmlosung aussetzt.

Die bundesweite Befragung wird somit empirische Befunde liefern, die wir ausgezeichnet zur bundesweiten Übertragbarkeit der Präventions- und Fortbildungskonzepte verwenden können, die im vorliegenden Modellprojekt entwickelt werden. Denn sie bietet nicht nur kommunal, sondern bundesweit eine empirische Grundlage für eine religionspolitologisch ausgerichtete Politikberatung und Bildungsarbeit. Insofern stellt auch dieses parallell verfolgte Vorhaben eine wichtige Kompenente unserer Transferstrategie dar.


Laufzeit:
April 2011 bis März 2014

Kooperationspartner | Links

Projektbearbeitung

Projektleitung



Dipl.-Soz.-Wiss. Peter Krumpholz

E-Mail: peter.krumpholz@uni-due.de
Tel: +49 (0)203 28099-13


Projektmitarbeiter/innen



Dr. phil. Alexander Schmidt

E-Mail: alextoteles.schmidt@uni-due.de
Tel: +49 (0)203 28099-15


Auftraggeber

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - Toleranz fördern-Kompetenz stärken

Ausgewählte Publikationen


  • Krumpholz, Peter / Schmidt, Alexander: Dokumentation Ethnisierung von Religion und Kultur. 2014. - 139 | Download| mehr...