Cover: Wagners „Erlösung“ und Hitlers „Vernichtung“: Weltanschauliche Strukturen im Vergleich

Wagners "Erlösung" und Hitlers "Vernichtung" - Weltanschauliche Strukturen im Vergleich

Autor/en: Schmidt, Alexander

Erscheinungsort: Marburg

Erschienen: April 2012

Seiten: 140

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Zusammenfassung:

Buchbesprechung im MDR und SWR Radio

Dr. Dieter David Scholz für MDR-Kulturradio Figaro

Alexander Schmidt: Wagners “Erlösung” und Hitlers “Vernichtung”

Tectum Verlag. 140S., 24,90 Euro

Richard Wagner ist noch immer ein Politikum. Obwohl die Auseinandersetzung mit ihm und seinem Werk schon mehr als hundert Jahre andauert, ist sie in Vielem so emotional und kontrovers wie eh und je. Dies betrifft vor allem Wagners Antisemitismus. Dass die nach dem Holocaust oft geäußerte These, dass Wagner gewissermaßen ein Vorläufer Hitlers gewesen sei, nichts als ein Missverständnis ist, hat der Autor Alexander Schmidt, Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg Essen, in seinem im Tectum Verlag erschienenen Buch “Wagners Erlösung und Hitlers Vernichtung” exemplarisch aufgezeigt. Er hat die gegen­sätzlichen weltanschaulichen Strukturen Wagners und Hitlers einmal sachlich verglichen.

Die Figur der Kundry im “Parsifal” wird, wie auch die des Zwergen Mime im “Siegfried” immer wieder als Judenkarikatur bezeichnet. Durch “alle Opern Wagners zieht sich wie ein roter Fetwa aden der Haß auf das Jüdische”, so hat zuletzt Paul Lawrence Rose dieses hartnäckige Vorurteil formuliert, für das es allerdings keinerlei Bestätigung gibt, weder in Wagners Werkerläuterungen, noch in seinen vielen privaten Eingeständnissen und Offenbarungen etwa gegenüber seiner notorisch antisemitischen Frau Cosima. Dennoch gab und gibt es immer wieder Publikationen, die Wagners Vorläuferschaft zu Adolf Hitler postulieren: “Ein deutsches Trauma”, wie der britische Historiker Peter Gay einmal meinte. In seiner bemerkenswerten Studie über Deutsche und Juden merkte er an: “zu historischem Verständnis aufzurufen und Einsicht walten zu lassen, bedeutet nicht zugleich, abzustreiten und zu verniedlichen, was geschah.” Alexander Schmidt hat sich dies auf die Fahnen geschrieben.

Die Auseinandersetzungen um Wagners unbestreitbaren Antisemitismus sind bis heute höchst kontrovers. Entweder wird das Thema bagatellisiert, oder aber es wird derart polemisch hochgespielt, daß Wagner zum Ahnherrn Hitlers und seines Antisemitismus erklärt wird. Beides ist ein Missverständnis. Alexander Schmidt unterscheidet denn auch mit den Begriffen Joachim Kaisers “nazistisch-hitlerisches” und “demokratisch-antiwagne-risches” Missverständnis. Er zieht in seinem Buch Bilanz der Wagnerforschung und ana-lysiert einmal in aller Sachlichkeit die Grundzüge der Hitlerschen wie der Wagnerschen Weltanschauungen. Er bringt sie auf die Begriffe “Erlösung” bei Wagner und “Vernich-tung” bei Hitler. Und er stellt einen tiefgreifenden Unterschied fest: “Während bei Wagner das Wesen und das Wirken der Juden sozusagen Indikatoren des allgemeinen Mißstandes bilden, sieht Hitler in ihnen die aktive Ursache desselben.”, so Schmidt.

Entsprechend konträr fallen nach Schmidt die Visionen und Strategien einer angestrebten oder zumindest versprochenen künftigen Freiheit, Befreiung oder Erlösung aus. Eben die Wagnersche Vision einer utopisch-sozialiastischen , gesamtgesellschaftlichen “Erlösung” der kapitalistischen Gesellschaft, wodurch Juden und Nichtjuden ununterscheidbar wür-den, und die Hitlersche Vision einer Ausgrenzung, ja “Vernichtung “der Juden. Schmidt macht damit unmißverständlich klar, dass Wagners und Hitlers Denken über die Juden, wie überhaupt ihre Weltanschauungen grundsätzlich verschieden sind. Auch wenn es “Ge-meinsamkeiten” im allgemeinen Antisemitismusarsenal” gebe: Es gelte, sich vor der Zwangsvorstellung zu hüten,“dass man die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sieht”, wie es der britische Historiker Peter Gay einmal formulierte. Der israeli-schen Historiker Jakob Katz, den Alexander Schmidt mit gutem Grund zitiert, gibt zu bedenken:

“Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren. Es handelt sich bei dieser Unter-stellung um eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch … Hitler in die Äußerungen Wagners selbst”.

Hitlers Berufung auf Wagner ist Wirkungsgeschichte, ist Willkür eines Nachgeborenen. Es ist fatal, Wirkung und Ursache zu verwechseln und es ist historisch unzulässig, von der Wirkung einsträngig auf die Ursache zu schließen. Es sind doch immer die Nachfolger, die sich ihre Vorläufer erschaffen. Wagner dem “Führer” als dessen Propheten oder Ahn­herrn auszuliefern, wäre Hitlers postmortaler Triumph. Wagner heute noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen ist wissenschaftlich unhaltbar, und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, moralisch infam. Alexander Schmidt hat dies in seiner sehr sachlichen, prägnanten Studie einmal mehr bestätigt. Ein wichtiges Buch!

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